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Blog-Empfehlung: Jack Aves is travelling

Posted by carl on Sep 17, 2018 in Uncategorized

heute nur ganz kurz eine andere Leseempfehlung: Jack schreibt gerade aus dem schönen Malaysia sehr schöne lesenswerte Texte! Klickt hier –> https://jackaves.istraveling.org/

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Faire Woche beginnt – mit unseren Videos – #fairhandeln

Posted by carl on Sep 15, 2018 in Uncategorized

Gestern hat die Faire Woche begonnen! Wir sind ganz stolz mit eigenen Beiträgen dabei zu sein. Auf Facebook und Instagram findet ihr unsere Videos, die wir in Dorf 36 (Guyana), Ivochote (Peru) und Huancayo (Peru) mit Bäuerinnen und Bauern gemacht haben. Also schaut sie euch an und unterstützt die Faire Woche kräftig!

#fairhandeln

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Die Odyssee zum Strand

Posted by carl on Sep 13, 2018 in Uncategorized

Von Karl

 

Vor kurzem bin ich von einem befreundeten Peruaner gefragt worden, was ich denn vermissen werde, aus Lateinamerika, wenn ich zurück in Deutschland bin. „Vida sin Planes“ Das Leben ohne Pläne. Das ganz spontane Leben. Unbemerkt hat sich dieser Lebensstil eingeschlichen und als ich in Machachi aufbreche merke ich ganz deutlich, dass ich ihn schon lebe und erst später lerne ich ihn in Worte zu fassen. Kurz gesagt: Auch gut.

Ich geh also zur Panamericana, der Hauptachse Ecuadors, die auch direkt durch den Ort geht und stelle mich auf die richtige Straßenseite. Kaum hab ich den Rucksack abgestellt, blinkt mich auch schon ein großer Reisebus an. Eigentlich will ich nach Riobamba, aber dieser fährt nur bis Ambato. Auch gut. Ich spring schnell in den gewohnt ungeduldigen Bus. Ich denke ich müsse viele Umsteige machen, aber schon in Ambato finde ich wieder erwartend mehrere Verbindungen an die Grenze nach Peru. 10 Stunden fahrt. Auch gut. Leider bedeutet dies gegen 11:30 nachts im Zentrum von Huaquillas herauszupurzeln. Als einziger. Doch wie immer, steht auch hier schon direkt ein Taxifahrer bereit. Auch gut. Ich will verhandeln, er will nicht. Komisch. Erst später erfahre ich, dass es festgelegte Preissätze gibt.

Also rein ins Taxi, raus aus der Stadt, den kühlen Fahrtwind in der Hand, zurück auf die Panamericana, die am Ort vorbei zur Grenze führt und direkt zur Grenzbehörde Ecuadors. Er könne nicht nach Ecuador fahren, ich solle einfach dort warten. Dann bekommt bestimmt mal ein Taxi. Ich schau mich um. Zur Zeit sehe ich kein Taxi weit und breit. Auch gut. Ich hol mir also den Stempel für die Ausreise. Draußen wurden große Wasserspender aufgebaut, vermutlich vom Roten Kreuz oder den Vereinten Nationen wegen den vielen flüchtenden Venezolaner*innen. Aber auch ich kann mein Vorrat auffüllen. Gerade kommen nicht mehr so viele, weil seit neusten Ecuador die Vorlage eines Reisepasses verlangt und den haben die meisten nicht.

Ich suche also eine geeignete Wartestelle und hab kaum mein Rucksack abgestellt, kommt ein Taxi angeschlichen. Ab geht‘s nach Peru. Ich frag den Fahrer ob er die Nordküste Perus kennt und was er empfehlen kann. Er meint Mancora wäre das beste. Wenn er das sagt, musst das ja gut sein. Jetzt hab ich auch ein Ziel. Auch gut. An der Grenzbehörde Perus hol ich mein Einreisestempel und mische mich unter die wartenden Venezolaner*innen. Schnell werde ich von einem Taxifahrer identifiziert und mir direkt eine Fahrt nach Tumbes angeboten. Da will ich auch hin, aber erst nach mehrmaligen Wiederholen begreift er, dass ich die übliche Sammel-Taxi-Variante möchte. Das heißt, wenn alle Sitze belegt sind, fahren wir los und dann wird der Gesamtpreis geteilt. Es ist gegen 1 Uhr nachts. Das Warten beginnt. Auch gut. Nach einer halben Stunde wird ihm das zu viel und ich muss mein Rucksack wieder ausladen. Ich werde den Eindruck nicht los, dass die Enttäuschung umso größer ist, je größer der Eifer war als er mich als vermeintlich reichen Ausländer aufgelesen hatte. Das ich aber nicht mehr zahlen möchte als jede*r andere, scheint ihn zu frustrieren. Auch gut.

Irgendwann kommt dann eine Peruanerin, die es eilig hat. Ich argumentiere so lange, dass ich es nicht eilig habe und ja warten könne, bis die Frau bereit ist, 5 der 10 Dollar zu bezahlen. Anfangs sollte ich noch 7, 6 und dann 5,70 bezahlen.

Es geht los, aber ich denke, dass ich vielleicht doch einen anderen Weg hätte wählen sollen. Der Fahrer ist extrem müde und das Auto kommt mehrmals verdächtig nahe an die Ränder. Ich such den Sicherheitsgurt. Diesmal ist einer da. Diesmal. Auch gut. Mal wieder geraten wir in eine Polizeikontrolle und zum ersten Mal in Südamerika werde ich auch zum Thema. Als sie aber mein verschnürrten Rucksack sehen, belassen sie es dann doch bei der Frage ob ich Drogen dabei habe. Auch gut. Während die Peruanerin einmal komplett durchwühlt wurde.

An einer Busfirma haut uns der Fahrer raus und ich bekomm‘ ein Platz im Bus gen Lima. Noch mitten in der Nacht hält er in Mancora und ich steh an einer Straße mit ein paar Moto-Taxen, diesen dreirädigen überdachten Motorrädern. Erst versuchen wir es bei dem bekanntesten Hostel nebenan, aber die sind voll und zudem im Partyfieber. Dann werden mir direkt sämtliche Drogen angeboten. Ich finde dann eine Unterkunft und zum ersten Mal eine mit Pool. Auch gut.

Der Typ an der improvisierten Rezeption erklärt mir gar nix und die nächsten Tage bleiben schleierhaft. Ich genieße den nahen Strand.

Wirklich nur eine Minute entfernt. Ist das Wasser ruhig sind hunderte Seesterne im Wasser. Mehrmals gehe ich in die schönen Fluten. Als der Wind aufdreht kommen die Kite-Surfer*innen. Doch die Wellenreiter*innen bleiben draußen. Das kühle Wasser bleibt wunderschön. Gebaut wurde in der Touri-Hochburg bis an den Strand und nur bei Ebbe sind alle Bereiche miteinander verbunden. Die Preise in den Läden sind seeseitig der Hauptstraße gepfeffert. Schnell ist mensch aber auch rausgelaufen aus dem Ort und findet ruhige Stellen mit Dünen und tollem Sonnenuntergang. Im Meer schauckeln Fischerboote, die nächste Einnahmequelle in der Region. Ansonsten bleibt hier nur noch Wüste.

 

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Das Warten auf das Steigeisen

Posted by carl on Sep 11, 2018 in Uncategorized

von Karl

 

Nach nicht einmal einer Stunde steig ich in Machachi aus. Als einziger bin ich bis zum Busbahnhof gefahren, der eher ein Busparkplatz sein könnte. Nach einem ersten gescheiterten Versuch, finde ich doch noch eine nette Unterkunft. Allerdings meint der Betreiber, dass es gerade ruhig sei. Die Unterkunft gleicht einem Kloster. Weiße Wände, dunkelbraune Holzbalken, Tische, Stühle, Zimmer, alles sehr alt. Viele jahrhundertealte Relikte an den Wänden. Uralte Reiseführer auf den Tischen. In eines der Bücher hat jemand auf spanisch reingeschrieben: „Dieses Buch ist schon lange veraltet. Im Jahr 2008.“ Neben den Büchern liegt noch ein Stapel Bibeln. Alles im Allem habe ich aber auch meine Ruhe dadurch. Auch wenn ich nachts als einziger durch die Gänge streifen kann. Die Ruhe passt zu meiner Tätigkeit: Warten. Abends erst soll der Bergführer vorbeikommen. Agenturen gibt es nicht. Wer hätte das ahnen können.

Ich mach einen Rundgang durch das sonntägliche Machachi und bin positiv beeindruckt. Bei schönsten Wetter wird die Stadt durch imposante Wolken und Berge umrandet. Der Markt ist riesig und LKW-Ladungen werden verladen und auf dem weitläufigen Markt verkauft. Aus der ganzen Region Mejía kommen die Bäuerinnen und Bauern. In harter Arbeit wird alles mögliche angebaut. Sonntags sind alle am Kaufen und Verkaufen dann auf Machachis riesigen Markt. Der allergrößte Bereich ist für Gemüse, Kräuter und Obst vorgesehen. Aber auch Fleisch, Obst und alle möglichen Haushaltswarten werden verkauft. In einer Ecke werden nur Eier verkauft. In den benachbarten Straßen, bis zum Busbahnhof, ist zudem Wollmarkt, weil Sonntag ist. Mützen, Schuhe, Kleidung und vieles mehr kann nun zu günstigen Preisen erworben werden. Gerade hier sind die Preise locker unter dem des Supermarktes. Da ich ja die Küche für mich habe, koche ich umfangreich mit dem leckeren Zeug vom Markt. Nur das ich alleine im Speisesaal sitze gibt mir wieder das Gefühl ein Mönch zu sein. Ein Mönch mit Wifi.

Cotopaxi

Der Bergführer, Xavier, stellt sich als junger und zuvorkommender Vater vor. Er erzählt mir nicht nur alle Details zur Tour auf Iliniza und Cotopaxi, sondern auch wie ich weiterkomme und wir quatschen wenn wir uns in der Straße begegnen. Ich hab hohes Vertrauen und glaube, dass er mich zum Gipfel bringt. Nur muss jetzt Sam, der zweite im Team noch kommen. Etwas zögerlich, aber dann gibt er sein „Go!“. Im letzten Moment, weil ich weiter nach Peru muss und nicht mehr länger warten kann.

Ich habe also erneut Zeit hinzubekommen und mache eine Wandertour. Nicht ganz klar wohin, laufe ich gen Naturschutzgebiet und werde von einem geteilten Taxi bis nach „Santa Ana de Pedregal“ gefahren, was lokal auch nur Santana oder Pedregal genannt wird. Von dort setze ich meine Wanderung durch die karge Steppe fort. Der Wind pfeift kalt, aber gleichzeitig sticht die Sonne. Wolkenfetzen ziehen in knapper Entfernung über die Hochebene oder kleben an Gipfeln. Das Gras wächst in flachen Büscheln, gelblich. Ich komme an den Eingang zum Naturschutzgebiet. Warntafeln erklären was zu tun ist beim Ausbruch des Cotopaxi. Dieser liegt nun direkt vor mir. Ich folge dem Weg und erreiche nach Stunden die Straße zur Berghütte. Ich kann schon die Serpentinen sehen, die an dem idealen Kegel emporschlengeln. Die Gletscher sind deutlich zu sehen. Zwischen schwarzsandigen Fußbereich und weißem Schnee befinden sich rote Felsenbereiche. Je höher ich komme, desto weniger Bäume und desto flacher die Pflanzen. Auch große und kleine Steine sind überall verstreut. Der Cotopaxi ist nicht nur sehr schön, er ist auch einer der aktivsten und höchsten Vulkane der Welt. Ecuador hat nur einen noch höheren Berg bzw. Vulkan: der Chimborazo. Weiter als bis zum Fuße des Cotopaxi schaffe ich es nicht, denn gegen Mittag muss ich den Rückweg anzutreten. Nicht ohne einen siegesgewisses Lächeln. Ab Pedregal fährt übrigends auch ein Bus für 60 Centevos nach Machachi. Der altersschwache Bus ist eine wahre Rüttelmaschine auf dem Kopfsteinpfaster, das die Ortschaften verbindet.

Zurück im „Kloster“ erwarte ich Sam, doch der ist nicht da. Ein Blick in die Mails lässt den Traum zusammenbrechen. Zwei Wochen Anlaufschwierigkeiten scheitern jetzt an Sams verletzten Knie. Er kann sein Bein kaum bewegen. Ich kann nicht verschieben. Gleichzeitig bekomme ich kein Geld von der Anzahlung wieder (160 US-Dollar). Der Guide hat es schon für Reservierungen und dergleichen ausgegeben. Er selbst hat nun das Problem, in der Zeit keine Arbeit zu haben und damit kein Geld zu verdienen. Mit unserem Frust stehen wir eine gute halbe Stunde gegenüber, aber wir finden keine Lösung. Keine die ich bezahlen könnte.

Ich brauch also eine andere Lösung:

Weg von hier.

Mach‘s gut Ecuador!

Surfbrett statt Steigeisen!

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Atemberaubender Gipfel

Posted by carl on Sep 1, 2018 in Uncategorized

von Karl

 

Der Wind steigt aus der Tiefe des Tals entlang des Berghangs nach oben. Auf einer unsichtbaren Höhengrenze beginnt er milchig zu werden. Als wenn etwas Milch ins Wasser gerät. Doch was sich vor mir, direkt am Berghang sitzend, auf Augenhöhe und zum Greifen nah abspielt, ist, dass sich eine neue Wolke bildet. Immer mehr und mehr weiße Watte bildet sich und gerne würde ich in die Watte greifen und mit ihr aufsteigen. Gebannt schaue ich auf das Naturschauspiel und merke die Zeit nicht mehr.

Eben bin ich den Sandhang vom Gipfel hinunter geschlittert. Die letzten hundert Höhenmeter zum Rucu Pichincha musste ich aufwärts ein Sandfeld umklettern, was aber abwärts es umso leichter macht. Die allerletzten Meter sind allerdings felsig und es muss mit allen Vieren geklettert werden. Jede Bewegung nach oben, jeder Schwenk mit dem Kopf von unten nach oben oder zurück, verursacht schon massives Herzrasen. Mit der Seilbahn bin ich aus Quito auf knapp 4000m Höhe gefahren. Von diesem Erlebnis und vielen weiteren Highlights in Quito habe ich schon vor Wochen berichtet, als wir gen Norden unterwegs waren. Von der Bergstation aus führt ein Weg, mal steil, mal gemächlich zum Fuße des Rucu Pichincha. Dann eine Weile parallel zu seinen Felsen, vorbei an Höhlen, bis dann der besagte steile Anstieg erfolgt. Schon dort sind schnelle Bewegungen zu viel. Wenn ich das übertreibe, werde ich benommen und merke wie mir das Bewusstsein entgleitet. Also mache ich langsam. Diese Höhen sind neu für meinen Körper und Akklimatisierung braucht seine Zeit.

Als dann der letzte Meter überwunden wurde bestaune ich erst das Schild mit den 4690m. Das ist vielleicht der Höchste Punkt an dem ich auf dieser Reise komme. Zumindest bewusst. Aber dann erfolgt das zweite Mal, dass mir fast der Atem weg bleibt. Ein gigantischer 360Grad-Blick eröffnet sich mir. Lediglich der etwas höhere Brudergipfel Guagua Pichincha unterbricht den fantastischen Ausblick. Vor mir breitet sich die Millionen-Metropole Quito aus. Die gesamte Länge dieser unfassbar langgezogenen Großstadt ist gut zu erkennen. Nachbarortschaften inklusive. Flugzeuge sind kaum zu erkennen und fliegen tiefer als ich. Die Gebirgskette hinter Quito liegt in Wolken und wird unterbrochen von drei weißen Kegeln. Den Cayambe, den Antisana und den Cotopaxi. Die Vulkane heben sich nur durch ihre Form von den weißen Wolken ab. Immer wieder werden sie verdeckt, um wenig später wieder frei zu stehen. Es ist ein grandioser Anblick und insbesondere der Höchste der drei, der Cotopaxi, erstrahlt in seiner ganzen Schönheit. Ein alleinstehender Vulkankegel der weit über die 5000m hinausgeht.

Hinten der Cotopaxi, vorne Quito

Er gilt als technisch einfach zu besteigen und gilt als meist-bestiegener Berg Südamerikas. Wenn das mal nicht nach einer meisterbaren Herausforderung klingt. Ich mach mich also in Quito ans Werk: online wie offline lege ich viele Meter hinter mir und frage unzählige Agenturen und Leute. Ich brauche ein gutes Angebot inklusive der ganzen Sachen die für einen Bergbesteigung nötig sind. Anerkannte*r Bergführer*in, Gletscherausrüstung, Wintersachen, Transport, Verpflegung, etc. Auch die Familie, die mich aufnimmt nutzt ihre Kontakte und telephoniere mit deren Telephon mit der Freundin der Mutter. Doch gute Angebote sind Fehlanzeige, weil ich alleine bin. Die Preise schwanken zwischen 6 und 900 USDollar. Ich suche eine Agentur, wo zufällig gerade noch ein*e andere*r allein anfragt und wir so den Preis halbieren können.

Ich muss euch noch die Familie vorstellen. Eingeladen hat mich Camila, PR-Studentin im letzten Semester, die mir ihrer Familie vor einem Jahrzehnt aus Bogotá nach Quito kam. Wir quatschen viel, wenn es die Zeit zulässt. Über Sexismus in den beiden Ländern. Z.B. dass Schulen Mädchen verpflichten kurze Röcke und hohe Schuhe als Schuluniformen zu tragen, die äußerst unpraktisch sind. Sprüche und Übergriffe in Bussen. In allen Bussen und Haltestellen ist eine Hotline ausgehängt, bei der sexualisierte Übergriffe gemeldet werden können. Dass Clubs an ihren Eingängen die Menschen nach ihren Aussehen bemessen und daraufhin die Preise festlegen. Hübsche Frauen kommen oft kostenlos rein. Wer nicht ins Raster passt, zahlt mehr. Sie erzählt auch vom Erdbeben 2016. Viele Menschen kamen ums Leben, auch weil die Bevölkerung nicht geschult ist, was sie im Ernstfall tun sollte. Die Armensiedlungen entstehen meist informell und gebaut wird je nach Einkommenslage. Viele der Randsiedlungen Quitos würden einem Erdbeben kaum stand halten. Selbst Erdbeben unterscheiden zwischen Arm und Reich. Eine*n Architekt*in, der ein erdbebensicheres Haus konstruiert, muss mensch sich halt leisten können.

Aber auch Musikempfehlungen teilen wir. Die Familie würde mich auch rund um die Uhr mit allen Mahlzeiten versorgen. Oder schaut neugierig auf mein Teller, wenn ich mal essen mache. Ich probiere Tacso- bzw. Curubá-Saft. Eine Frucht die geschmacklich der Maracuja nahe kommt. Die kolumbianische Heiße Schokolade mit Käse als Topping nennt der Vater „Chocolate Santa Fereño“. Der Bruder von Camila, Miguel, hat sogar sein Zimmer geräumt und ist zur Schwester gezogen, damit ich ein Zimmer habe. Ich fühle mich aufgenommen und fast schon zu sehr umsorgt. Ich will was zurückgeben und mache Eierkuchen für alle. Als sie freudig schmatzend am Tisch sitzen, erzählen sie von ihrer Lieblingsspeise: Arepa mit Käse. Mich verführt der Maisfladen nicht so sehr. Als ich erkläre, dass Eierkuchen eigentlich in allen Ländern gibt (Pancake, Crepe, Palatschinken, …) und mit allen möglichen gegessen werden können – ich habe frischen Apfelmus mit Zimt und Rosinen serviert – kommt auch schon eine typisch kolumbianische Süßspeise auf den Eierkuchen: (aufmerksame Leser*innen können‘s sich denken) Käse. Vielleicht ist das eine Marktlücke … süßer Eierkuchen mit Käse in Kolumbien verkaufen …

Bevor ich aber zur Camila kam, verbrauchte ich meine Zeit bei Nancy. Dazu muss ich sagen, dass ich auch viel Zeit im Bus verbrachte. Quitos Bussystem begann ich zu hassen, nachdem ich öfters 3 oder mehr Stunden verbracht habe um von einem zum anderen Ort zu kommen. Da sind selbst die BVG schnell. Gegen 17 Uhr werden schon erste Hauptverkehrsachsen dicht gemacht. Busse außerhalb der drei Achsen fehlt jede Information, damit Nicht-Einheimische sich vorstellen können wohin der Bus vielleicht fährt. Es mag zwar günstig sein, mit 25 Centavos, aber wenn ich diese 6mal am Tag zahle, wird’s langsam teurer. Busse in Vororte fahren teils von benachbarten Terminals ab und haben eigene Preise. Auch mein Umzug von Nancy zu Camila war von vier Stunden geprägt. Im falschen Stadtteil angekommen, wurde mir mehrmals gesagt: Ja, hier ist Condado, aber Condado liegt weiter unten. Etwas ist hier und gleichzeitig wo anders. Dieses Rätsel grenzt an philosophischem Wahnsinn. Sollte mein trainiertes Öffis-Können auch da versagt haben, so kam der berühmte Funken Glück ins Spiel und ich fand doch noch das Ziel.

Nancy ist 50 Jahre und hat zwei Kinder die in Deutschland oder Österreich studieren oder dies anstreben. Da sie ihren Mann rausgeschmissen hat, bewohnt sie ihre große Wohnung alleine. Die Kinder sind gerade auf Urlaub in Ecuador, aber kamen erst an meinen letzten Abend. Die Oma und die Schwester leben noch auf dem Grundstück. Abends saßen wir bei Kaffee zusammen und unterhielten uns lange. Ja, Kaffee wird in Ecuador und Kolumbien gern und zu jede*r Uhrzeit getrunken. Es wird eher wie Tee gehandhabt. Als sie den alten Kaffee mit etwas Wasser verdünnt und dann in der Mikrowelle erhitzt, werden alte WG-Erinnerungen wach. Sie brachte uns auch heimisches Abendbrot mit, allerdings trifft auch das nicht meine vollste Begeisterung: Mais-Käse-Teig in Maisblättern eingewickelt oder einfach nur Mais zum Abknabbern mit Salz und Frischkäse. Dabei meine ich nicht den in Deutschland üblichen Mais, sondern immer den weichen weißen großen Mais. Sie erzählt von ihren Vater, der schon seit über 39 Jahren Tod ist, aber in offiziellen Registern als lebend geführt wird. An vergangenen Abstimmungen hat er laut Register teilgenommen – obwohl er Tod ist. So geht Wahlmanipulation in Ecuador. Auch meinte sie, dass für das Wählen Gehen sie Dokumente erhält, die sie für größere Käufe oder Auslandsreisen benötigt. Diese anderweitig zu bekommen bedeutet lange bürokratische Umwege. Deswegen gehen viele lieber wählen.

Eine Agentur hat mittlerweile mich mit einem zweiten Menschen verbunden. Uns ist das aber zu teuer und wir vereinbaren gemeinsam weiter zu schauen. Mehrere Agenturen geben als Standort Machachi an, einen kleinen Ort eine Stunde südlich von Quito. Ich mach mich also dran, dorthin zu reisen um dort meine Recherchen fortzuführen. Vorher muss ich aber verlängern, weil Camilla mich noch zu ihrer vorgezogenen Geburtstagsfeier einlädt. Mit einigen Freund*innen von ihr gehen wir erst Vorglühen. Shots sind die Mittel der Wahl. Im Anschluss dann in den Club mit moderner lokaler Musik. Sie schwankt zwischen beliebten Salsa-Hits, Reggaeton und europäischer Disko-Musik. So klingt „Quito II“ für mich aus und ich finde den Weg über das Terminal Quitumbe nach Machachi.

PS.: im Bus in Quito habe ich gleich zu Beginn mein Handy verloren. Vielleicht wurde es auch geklaut, aber das lässt sich nicht zweifellos feststellen. Klar ist nur: Da ist es nicht mehr.

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100 Tage Exklusiv-Interview mit Karl!

Posted by rosasur on Sep 1, 2018 in Uncategorized

Wisst ihr was die ecuadorianische Stunde ist? Sagen wir mal so, es heißt ungefähr, dass es ganz normal ist spät dran zu sein. So ist es auch mit diesem Beitrag. Hier erfahrt ihr, wie es Karl nach 100 Tagen Südamerika ging. Vielleicht auch nach 103 Tagen;)

Klickt hier und hört rein!

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Palmen und Berge?!

Posted by rosasur on Aug 30, 2018 in Uncategorized

von Rosa

Wir liegen im grünen Gras. Es fällt uns schwer die Augen aufzuhalten. So blinzeln wir der Sonne entgegen und lassen einfach nur die Umgebung auf uns wirken. Hellgrüne Berghänge, dunkelgrüne Bergspitzen und blauer Himmel mit vorbeiziehenden Schäfchenwolken. Ich lege den Kopf ins Gras und muss mir immer noch die Augen reiben, um zu begreifen, dass zwischen den Bergen in diesem Tal Palmen stehen. Es gibt ganz unterschiedliche, kleinere, größere, manchmal ist nur noch der Stamm da. Wie Zahnstocher in Landschaft. Kein Meer weit und breit.

Fünf Uhr morgens bin ich in Armenia. Zwei Stunden eher als geplant. Im Busbahnhof stehen Backpacker in den Ecken und warten auf ihre Weiterfahrt. Ich warte auf einen ganz besonderen Backpacker: Daniel. Für mich ist er Schweizer, obwohl er erst seit vier Jahren dort lebt. Wir hatten uns in San Gil im Hostel kennengelernt und bis fünf Uhr morgens über Gott, die Welt und die Schweiz philosophiert. Zufällig haben wir uns in Bogotá wiedergetroffen. Er meinte, er buche immer das günstigste Hostel und so kreuzten sich unsere Wege weil das auch meiner Reisephilosophie entspricht. Nach einem Bier in Papiertüten (weil es in Bogotá verboten ist in der Öffentlichkeit zu trinken) beschlossen wir gemeinsam nach Salento zu fahren.

Zwischen den anderen Reisenden sehe ich einen Mann mit Basecap unter dem eine Justin Bieber Frisur zu erkennen ist. Das ist Daniel. Er ist genauso müde wie ich, aber wir schleppen uns zu einem kleinen Bus, der uns in 40 Minuten nach Salento bringt. Ein buntes Touristenstädtchen mit viel Handwerk, kleinen Restaurants und eben jeder Menge Touristen. Unser Hostel sieht aus wie die Villa Kunterbunt und so sind im Garten wahllos Gegenstände verteilt, u. a. auch ein Nussknacker und ein Weihnachtsmann. Frohe Weihnachten!

Auf dem Marktplatz stehen die Touristen in einer Schlange und warten bis sie ein Jeep ins Valle Cocora – Tal der Palmen mitnimmt. Daniel stellt sich mutig auf die kleine Ladefläche des Jeeps und genießt dafür einen tollen Ausblick. Die meisten Touristen setzten sich auf ein Pferd, um das Tal zu erkunden. Wir wählen unsere Füße und wandern die Hügel hinauf und wieder hinunter. Aller 200 Meter halte ich an, um wieder ein Foto aus einer anderen Perspektive aufzunehmen. Ich bin von der Schönheit dieses Ortes überwältigt und nur mein knurrender Magen kann mich zum gehen überreden.

Es gibt sie wirklich. Eine Bar, wo es erlaubt ist Sprengstoff zu zünden. Als mir ein paar andere Backpacker von der Bar erzählen, glaube ich eher an einen Werbetrick. Doch jetzt stehe ich in einer Halle, habe ein Bier in der Hand und es riecht nach Silvester. Das Ganze hat auch noch einen offiziellen Namen und heißt Tejo. Ein Volkssport in Kolumbien. Am Eingang der Halle durften wir uns einen zwei-bis drei Kilogramm schweren Stein aussuchen, der unser Wurfglück bestimmen soll. Jetzt stehen wir vier Meter von einem Lehmhügel entfernt. In der Mitte des Lehmhügels liegt ein tellergroßer Ring auf dem kleine Papierdreiecke liegen. So ganz habe ich das Spiel noch nicht verstanden, aber ich werfe einfach mal und erschrecke mich prompt, weil es tatsächlich knallt. In den Papierdreiecken ist Sprengstoff und es dampft. Für mein Anfängerglück wird mir auf die Schulter geklopft. Aber es geht hier nicht nur um den Spaß, sondern auch um Punkte. Die bekommt man entweder, wenn man direkt in den Ring trifft, es knallt oder wenn sein Stein von allen Werfern am nächsten am Ring landet. Es geht bis 21. So werfen wir, zählen Punkte und ab und zu erschrecken wir uns. Zwei andere und ich haben alle 20 Punkte. Es kommt zum Showdown. Am Ende gewinne ich unspektakulär mit Präzision. Liebe Leser, bitte nachmachen. Vielleicht auf der nächsten Gartenparty.

Salento liegt in der sogenannten Kaffeezone, einem Gebiet, wie es der Name schon verrät, in dem besonders viel Kaffee angebaut wird. Wir machen eine kleine Wanderung, vorbei an Kaffee- und Obstplantagen. Da ich schon in Peru einiges über den Kaffeeanbau gelernt habe, entscheiden wir uns für einen frisch gepressten Saft am Wegesrand. Die Wanderung wird nicht langweilig, da Daniel ein begnadeter Geschichtenerzähler ist. Südamerika ist für ihn nur ein Zwischenstopp auf seiner Weltreise, die ihn von Hongkong über Australien, Lateinamerika bis nach Indien führt. In den vier Jahren Schweiz hat er soviel gespart, dass er sich nun seinen Traum erfüllen kann. Als wir gerade auf dem Weg nach Hause sind, beißt mich ein Hund während des Laufens in meinen Knöchel. Nicht tief, aber es kommt ein bisschen Blut. Nachdem die Hunde in Südamerika meine Schuhe und Reiseführer angefressen habe, bin nun auch noch ich selbst dran. Ein Hoch auf die Tollwutimpfung.

Mit einem Zwischenstopp in Cali, reisen wir weiter nach Ipiales, einem Ort an der ecuadorianischen Grenze. Dort gibt es eigentlich nicht viel zu sehen, außer eine Kirche, die in eine Schlucht gebaut wurde. Santuario de las Lajas ist in 20 Minuten gut von Ipiales zu erreichen. Das neogotische Bauwerk wurde über einem Fluss errichtet und der Blick von einer nahegelegenen Erhöhung auf die Kirche ist mehr als beeindruckend.

An der Grenze nach Ecuador warten wir insgesamt drei Stunden. Es sind hier deutlich weniger Venezolaner als noch vor ein paar Wochen. Menschen ohne Reisepass dürfen nicht mehr einreisen. Leisten kann sich diesen Reisepass fast niemand mehr in Venezuela. Als wir nach sechs Stunden Fahrt endlich in Quito ankommen, stehen am Busbahnhof auf einer Verkehrsinsel viele Zelte aneinandergereiht. Hier leben Geflüchtete aus Venzuela. Auch ohne jemals in Venzuela gewesen zu sein, habe ich durch die Menschen viel über das Land und die politische Situation erfahren. Hoffnung, dass es in ihrem Land bald besser wird, haben die wenigsten. Das Privileg frei reisen zu können, wird mir in solchen Momenten immer besonders deutlich. Im Hostel in Cali habe ich einen jungen Mann aus Chemnitz getroffen. Er hat sich in Kolumbien, seine Arbeit im Hostel und eine Frau aus Cali verliebt. Bleiben will er auf jeden Fall. Er verstehe aber nicht, warum der deutsche Staat Ausländern so viel Geld gäbe, um in Deutschland auf die Beine zu kommen. Vielleicht, sage ich, damit sie sich ein bisschen von dem Glück aufbauen können, dass du auch fern von deiner Heimat gefunden hast. Er schweigt und geht. Es sind Momente wie diese in denen ich traurig werde. Traurig über die Unfähigkeit von Menschen zu teilen. Traurig über die Fähigkeit von Menschen zu Kategorisieren, zu Verallgemeinern und andere Menschen in Schubladen zu stecken. In Cali, Quito oder Chemnitz.

Ich finde die Palmen sind ein schönes Beispiel. Ich habe sie bisher immer mit Strand und Meer in Verbindung gebracht. Aber Palmen und Berge? Geht gut und sieht auch noch richtig geil aus!

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Bogotá im Zeichen des aufkommenden Friedens

Posted by carl on Aug 28, 2018 in Uncategorized

von Karl

 

In keiner Stadt habe ich wohl so viel Zeit verbracht, wie in Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens. Mit ihren 7 Millionen Menschen eine der größeren. Als ich aus dem Bus ausstieg erwartete mich schon ihr kalt-nasses Wetter. Nicht, dass es tagsüber auch mal T-Shirt-warm werden kann, es kann auch regnen und Sonne scheinen im selben Moment.

Sicherheit und Geschichte des bewaffneten Konflikts bis heute in Kolumbien

gesamte Geschichte Kolumbiens

Bogotá ist eine Stadt die auch viel über aktuelle und vergangene Politik verrät. Kolumbien befindet sich an einem Wendepunkt zwischen bewaffneten Auseinandersetzungen und Frieden. Wie schon in anderen Städten Kolumbiens wird uns gedankt, dass wir als Touris gekommen sind, damit wir ein friedliches Bild Kolumbiens nach außen senden können.

Bis vor wenigen Jahren noch, war es sehr gefährlich, sodass selbst Einheimische kaum ihre Städte verlassen haben. Bus fahren war zu gefährlich und Fliegen ist in Kolumbien teuer. Aber selbst das Fliegen wurde teils durch paramilitärische oder Guerilla-Armeen unterbunden. Busse überfallen oder zumindest eine Passagen-Gebühr genommen. Paramilitärs galten als besonders brutal, d.h. sie töteten gleich die ganze Familie, wenn Menschen im Verdacht standen mit Guerillas zu kooperieren, während Guerillas Geiseln nahmen und Lösegeld forderten. Auch die Armee begang Menschenrechtsverbrechen. Bekannt sind z.B. die vielen „Falsos Positivos“. Im „Plan Colombia“ hat die US-Regierung mehrere Milliarden an Rüstungshilfe im Kampf gegen die Drogen bereit gestellt. Das Geld floss über Umwege zurück an US-Waffenhersteller. Umwege, weil laut UN-Vorgaben, Länder nicht anderen Geld geben dürfen, damit sie eigene Waffen kaufen. Es gibt aber private US-Sicherheitsdienste die dann zu Mittelsleute werden. Nicht nur der Kampf gegen Drogen stand im Interesse der USA, auch die Guerillas, die als links gelten, kamen ins Fadenkreuz. In dieser Zeit wurde das Geld auch eingesetzt um Kopfpauschalen für ermordete Guerilleros an Soldaten zu zahlen. Die Folge war dass Bäuer*innen und mit falschen Versprechen angeworbene in Guerilla-Uniformen gesteckt wurden, um sie dann zu töten und abzurechnen. Diese Zahl geht in die Tausende und werden „Falsche Positive“ also „Falsos Positivos“ genannt.

Die Paramilitärs entstanden als Reaktion auf die Guerillas und der Unfähigkeit des Staates diese zu bekämpfen. Großgrundbesitzer aus dem Norden Kolumbiens gründeten und finanzierten die paramilitärischen Kämpfer*innen. Paramilitärs gelten als rechts außen.

Guerillas

Ähnlich wie paramilitärische Verbände gibt es eine Vielzahl Guerilla-Armeen. Die berühmtesten sind wohl die FARC-EP, ELN und M-19. Die FARC begann als leninistisch-marxistische Gruppe in den 1960er Jahren in Folge der Auseinandersetzungen zwischen Liberalen und Konservativen in Kolumbien. Liberal meinte da noch links-progressive Ideen und nicht was heute unter neoliberal verstanden wird. Die Konservativen, vielleicht unter zur Hilfenahme der CIA, haben liberale Präsidentschaftskandidaten ermordet und so deren Machtübernahme verhindert. Als das in Straßenschlachten in Bogotá mündete, begann eine brutale und verdeckte Verfolgung der Liberalen. Zu Hause oder auf offener Straße wurden sie erschossen. Das radikalisierte Gruppen und mündete in Guerillas a la FARC. Mit der Zeit musste sich die FARC finanzieren, wodurch sie auch im Drogenhandel aktiv wurde. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion fiel auch diese Unterstützerin weg. 2016 schlossen FARC und Regierung mit Unterstützung von Norwegen und Kuba einen Friedensvertrag. Die FARC gibt die Waffen ab und firmiert als neue Partei. Sie hat nun für einige Jahre 10 feste Sitze im Parlament. Die Regierung ist verpflichtet die ländlichen Gegenden, in denen die FARC aktiv ist, zu unterstützen. In einer Volksabstimmung Ende 2016 stimmten allerdings 50,22% der Bevölkerung gegen das Friedensabkommen. Nur wenige Wochen vor der Abstimmung wurde der 300seitige Vertrag veröffentlicht. Viele befürchten, dass die Guerillas für ihre Menschenrechtsverbrechen nicht ausreichend bestraft werden.

Justizministerium, am Tag vor Duques Amtseinführung

Der erst am 7. August das Amt übernommene Präsident Ivan Duque steht auf der Seite der Kritiker. Dem rechten Politiker der konservativen Partei konnten Verbindungen zu Paramilitärs nachgewiesen werden, aber Morde an Zeugen verhindern Gerichtsverfahren. Mit ihm wird eine Rückkehr zur Gewalt befürchtet. Das kurz vor dem Abschluss stehende Friedensabkommen mit der ELN, der zweitgrößten Guerilla-Gruppe, wurde abgebrochen und wird von Duque nicht fortgeführt. Die stalinistische ELN operiert noch, u.a. im Nordosten. Als ich dort unterwegs war, sind mir die unzähligen Straßenkontrollen durch die Armee und Polizei aufgefallen. Teilweise im Zehn Minuten Takt sind wir in eine Kontrolle geraten. Es bleibt abzuwarten, wie die ELN, die sich auf Frieden eingesetellt hatte, darauf reagieren wird.

Am zentralen Platz der Stadt, dem Plaza Bolivar, wurde Duque vereidigt. In der Platzmitte steht Kolumbiens wichtigster Befreier von den spanischen Besatzer*innen: Simon Bolivar. Sein wichtigster Mitstreiter war Francisco de Paula Santander. Allerdings verstritten sich beide nach Erlangen der Unabhängigkeit. Bolivar war für eine Diktatur unter seiner Führung, während Santander Demokratie befürwortete. Am selben Platz steht das Justizministerium mit einem Zitat von Santander. Selbiges Gebäude ist Symbol einer M-19-Aktion. M-19 ist aus akademischen Kreisen in Bogotá entstanden und hat einen Bruch durchgemacht, als sie anfing mit den Drogen-Kartellen zusammenzuarbeiten. In den 1980er stürmten sie das Justizgebäude und nahmen zig Geiseln. Im Nachgang fehlten Beweisunterlagen für Prozesse gegen Drogen-Kartelle. Auch die Armee zeigte sich nicht kooperative und beschoss das Gebäude rücksichtslos teils mit Panzern, dass es im Nachgang komplett neu aufgebaut werden musste.

indigene Frauen protestieren während Duques Amtseinführung gegen dessen politischen Kurs

Mathilde, Laura und Isabelle

Meine ersten Tage waren dadurch geprägt die politische Auseinandersetzungen zu verfolgen, die durch die Amtseinführung Duques nochmal präsenter waren. Für zwei Nächte hatte ich allerdings das Glück bei Mathilde übernachten zu dürfen. Eine Couchsurferin die durch hartes Arbeiten sich bekannt machte. Die geborene Französin lebte schon einige Jahre in verschiedenen Ländern und macht nun ihren Abschluss in Bogotá. Mit BBC lernten wir am ersten Abend ein sehr leckeres und lokales Bier intensiv kennen.

Sie sprach mir aus dem Herz, was ich bei vielen Backpackern vermisse: Das Bewusstsein über die eigenen Privilegien. Viele kommen nach Kolumbien und freuen sich, welch tolles Land das ist. Das aber vieles darauf beruht, dass sie hier wegen der schwachen Währung finanziell gut ausgestattet sind, wird gern ausgeblendet. Für einige in Kolumbien ist selbst der Bus zu teuer, der umgerechnet ca. 0,70 Euro kostet. Durchschnittseinkommen liegt wohl bei 200 Euro im Monat. Da ist ein 150-Euro-Zimmer in Bogotá, wie es Mathilde bewohnt, nicht mal eben zu haben. Wer im Hostel im Touri-Viertel abhängt und Touren bucht, wird wohl kaum hinter den Vorhang schauen. Am nächsten Tag lerne ich noch ihre bolivianische Mitbewohnerin kennen, die auch sehr freundlich und hilfsbereit ist.

Dank Mathilde bekomme ich später Kontakt zu Isabelle. Isabelle ist kanadische Menschenrechtsanwältin, arbeitet aber schon seit einigen Monaten in Bogotá. Ab und zu fährt sie in ländliche Gegenden und trifft Frauen. Frauen die unter dem bewaffneten Konflikt litten und deren Stimme sie in den Friedensprozess einfließen lässt. Isabelle schreibt nach den Gesprächen Berichte, die Teile einer Sonderjustiz sind, die Rahmen des Friedensabkommens Verbrechen von FARC und Armee aufarbeiten. Erst seit einem guten Monat laufen die ersten Verhandlungen vor der JEP. Isabelle erzählte uns bei guten Kaffee voller Energie von ihren Erlebnissen. Sie strotzt voller Stolz und Energie, wenn sie von ihrer Arbeit erzählt. Ich dagegen schweige und staune. Eine starke Arbeit, die sie da leistet und das direkt im historischen Weg Kolumbiens. Sie erzählt von lokalen Initiativen die Erfolge für die Unabhängigkeit der Frauen feiern. Oft ist die ökonomische Abhängigkeit vom eigenen Mann, ist oft ein Problem um sich effektiv gegen häusliche Gewalt zu wehren. Aber auch die Folgen des Konflikts werfen ihre Schatten. Vergewaltigungen haben alle bewaffneten Gruppen eingesetzt um ihre Region zu kontrollieren. Zugeben mag es nur niemand. Dann lieber zugeben, dass sie einen Mann getötet haben. Sie erzählt von einer Frau, die von einem Paramiltär vergewaltigt worden war und später darüber sprach. Das war traumatisierend auch für die Tochter, weil die nun Begriff wer ihr Vater ist. Viele trauen sich nicht offen darüber zu sprechen und da kann Isabelle mit Anonymität und vertrauensvollen Gesprächen trotzdem helfen.

Über Isabelle kommen wir in Kontakt mit ihrer Kollegin: Laura. Sie arbeitet auch für „Humanas“ und kümmert sich mehr um den Friedensaufbau. Besonders in Kontakt mit Paramilitärs im Nordwesten. Wir diskutieren wie sie mit Menschen umgehen muss, die grausamste Taten begangen haben. Wie sie Paramilitärs und Guerillas für gemeinsames Fußball-Schauen gewinnen konnte. Eine, die selbst Opfer von Paramilitärs wurde, meinte mal zu ihr: „Wir sind keine Opfer und Täter. Wir sind überlebende des Konfliktes.“ Verzeihen zu können scheint ihr wichtig zu sein, aber natürlich müssen sie ihre Taten zugeben und bei Aufklärung helfen. Laura spricht von ihren Job nicht als Job. Es ist ihr Leben. Ich frage sie, wie sie das Problem lösen möchte, da Kokain immer noch stark nachgefragt wird. Besonders Nordamerika und Europa konsumieren, während Länder wie Kolumbien produzieren. Sie spricht von Legalisierung und welche Folgen der Koka-Anbau hat. Ja da hängt Blut dran und es wird mir klar, dass auch hier die neokoloniale Ausbeutung zu finden ist. Die Folgen des Konsums im globalen Norden, trägt der globale Süden.

Als positives Beispiel führt sie das Café an, indem wir uns verabredet hatten. „Cantera Café Work“ setzt ausschließlich auf Regionalität. Selbst die Kaffeemaschinen sind aus Kolumbien. Eingestellt werden ehemalige FARC-Kämpfer*innen. So wird ihnen ein Weg vom/von der Soldat*in hinüber ins zivile Leben ermöglicht. Da das Mittag und der Kaffee ausgezeichnet sind, möchte ich allen Bogotá-Reisenden diese Location unbedingt ans Herz legen.

Noch Stunden nach dem Treffen bin ich schwer beeindruckt von Laura und ihrer Arbeit. Rosa und ich unterhalten uns noch länger über sie und hoffen, dass ihre Arbeit fruchtbar sein wird.

Grün und Bunt

Eine Region die Guerillas und Regierung nicht beherrschen, sind die Smaragd-Abbaugebiete. Kolumbien ist der größte Smaragd-Produzent der Welt. In der Innenstadt Bogotás bietet jede*r Schmuckhändler*in Smaragde und Smaragd-Schmuck an. An einer unscheinbaren Stelle im Zentrum können auch illegal die Edelsteine erworben werden. Immer zwei bis drei Männer stehen zusammen. Bei einer hinteren Gruppe konnte ich beobachten wie einer mit einem speziellen Lupen-Gerät seine Serviette untersuchte. Ich vermute mal, dass in der halboffen gehaltenen Serviette das grüne Gold schlummerte.

Wer nicht nur auf grün steht, sollte einfach mit offenen Auge durch die Stadt gehen. Auch unter Brücken, an Straßenrändern und Hausfasaden sind zig große und besonders gute Graffiti zu bestaunen. Auch wenn die Stadtpolitik das eingrenzen will, so sind viele Wände besonders kunstvoll gestaltet. Allein aus dem Fenster der Buslinien 6 und 1 konnte ich einiges sehen. Vögel sind oft gesprüht worden, weil sie auf die besonders hohe Biodiversität Kolumbiens verweisen. Kolumbien hat Naturschutzgebiete, die größer sind als die Niederlande.

Besonders bunt ging es auch am Sonntag los, als der 480te Stadtgeburtstag nachgefeiert wurde. Sonntags ist generell Ciclovia in Bogotá, d.h. viele Hauptstraßen werden für den Motorverkehr gesperrt. Fahrräder, Spaziergänger*innen, Sportler*innen verschiedenster Art und alles was Rollen hat, erobert die Straßen. Die Stadtverwaltung bietet u.a. auch Reparaturservice an. Diese Ciclovia wurde um einen langen und bunten Umzug ergänzt. Kulturgruppen haben verschiedenste Themen in Szene gesetzt. Teils durch Choreographien, Tänze, Akrobatik oder/und kunstvolle Kostüme und Puppen. Gruppe um Gruppe zog an mir und vielen anderen Schaulustigen vorbei.

Wer einen schönen Ausblick in der Stadt sucht, dem sei Montserrate empfohlen. Ein Gipfel an der Ostseite ist über einen langen steilen Weg zu erreichen oder Zahnradbahn oder Seilbahn. Die Seilbahn ist Sonntags günstiger. Wenn das Wetter besser ist, soll ein traumhafter Sonnenuntergang zu sehen sein. Neben einen wunderschönen Rundblick sei darauf hingewiesen, dass das kühle Wetter und der Wind einen nicht vor Sonnenstich und Sonnenbrand schützen kann. Leider. Auch das Hochhaus der Colpatria-Bank bietet einen schicken Rundblick.

In den Straßen Bogotás, aber auch in vielen anderen Orten Kolumbiens, werden „Minutos“ also Minuten angeboten. Das sind quasi mobile private Telephonzellen. Menschen bieten da Telephonate, meist nach Venezuela, für günstige Preise an. Meist wird damit geworben, welche Funknetze abgedeckt werden.

Trennung und der Weg nach Süden

Nun geht auch die schönste Zeit irgendwann vorbei. Bogotá war besonders spannend und ich konnte viel lernen. Ich breche auf, lasse aber Rosa zurück. Beide erwarten wir Gäste, die uns auf der Reise begleiten werden, nur, dass ich dafür Anfang September in Lima und sie in knapp zwei Wochen in Ecuador sein muss. Ich hoffe unsere Wege führen danach wieder zusammen.

Um etwas Strecke zu machen bin ich mit dem Bus direkt bis an die ecuadorianische Grenze gefahren. 23 Stunden brauchte der Bus bis Ipiales und mit dem geteilten Taxi war ich noch rechtzeitig bei der Migrationsbehörde Kolumbiens. Nach ca. 2 Stunden hatte ich meinen Stempel. Anders geht es vielen Venezolaner*innen, die in einer eigenen Schlange anstehen müssen und wodurch gut hundert übernachten müssen auf der Straße bis am nächsten Morgen die Behörde ihre Schalter wieder öffnet. Alle anderen haben privilegierten Vorzug. Das Rote Kreuz ist nun am Start. Ecuador hat das eleganter gelöst. Gleich acht Schalter sind nun rund um die Uhr besetzt, sodass niemand warten muss. Dadurch bin ich schnell durch an der Grenze und hab auch gleich ein geteiltes Taxi zum Busbahnhof gefunden. Kaum angekommen fuhr schon 20 Minuten später der Bus ab. Gegen 3:15 stieg ich etwas gerädert an einem der Busbahnhofe in Quito aus …

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Adrenalin

Posted by rosasur on Aug 26, 2018 in Uncategorized

von Rosa

Das Leben ist eine Achterbahn, sagen die Leute. Mal ist man unten, mal oben. Da macht auch Südamerika keine Ausnahme. Die letzten Tage, vielleicht Wochen waren anstrengend. Der Reisefaden wurde dünner wie die Nerven an manchen Tagen.

Resignation und Neustart. Manchmal, da muss man den Faden loslassen. Sich fallen lassen.

Die ersten Schritte sind unsicher. Das Gefühl es zu schaffen ist da, auch wenn man noch nicht ganz überzeugt ist. Ich laufe die Stufen der rostigen Treppe nach oben. Eigentlich will ich erst langsam anfangen, aber die kleinere Rutsche ist geschlossen. Also gehe ich gleich aufs Ganze. Das Wasser spritzt gegen meinen Körper. Ich fliege schnell. Ein Kribbeln im Bauch und schon knalle ich auf das Wasser. Tauche ein und wieder auf. Ich bin wieder da. Das geile Gefühl ist wieder da. Nochmal.

Zwischen Hochhäusern, ein Stückchen außerhalb von Bucaramanga, wurde ein Wasserpark gebaut. Mein 12-Jähriges-Ich bekommt immer noch leuchtende Augen und Hummeln im Arsch, wenn es nur das Wort Freizeitpark hört. Also gebe ich meinem Affen Zucker, renne die Treppen hoch und lass mich die Rutschen runterfallen. Eine ist wie ein Trichter, in den ich mit Tempo über eine steile Abfahrt gelange. Ich drehe ein paar Runden und dann spuckt mich der Trichter aus. Ich falle Kopfüber ins Wasser.

Doch erstmal zum Anfang. Von Maicao bin ich zurück nach Santa Marta gefahren und über Nacht nach Bucaramanga. In dieser Stadt halten die meisten Reisenden nur um die Fahrt nach Bogotá zu unterbrechen. Tatsächlich gibt es eher wenig Touristisches zu sehen. Als ich das Zimmer meines Hostels betrete, schallt mir ein „Hey, how are you?“ The beds are so amazing, you will feel so good! It´s amazing“ entgegen. Ich denke, jetzt bin ich endgültig in der Backpacker-Hostel-Hölle angekommen. Jessica spricht tatsächlich mit dieser hohen Stimme, die man sich bei Amerikanern vorstellt und in jedem zweiten Satz kommt mindestens einmal das Wort „amazing“ oder „crazy“ vor. Ansonsten ist sie aber sehr nett. Jessica erzählt mir von der Angst ihrer mexikanischen Eltern aus den USA ausgewiesen zu werden, aussichtsreichen Demokraten, die bei den Senatswahlen gewinnen können und wie wichtig sie es findet grün zu leben. Während ihres zwei Wochen Trips, steigt sie trotzdem fünfmal ins Flugzeug. Ein Punkt den ich an Hotels gut finde sind die Menschen, die man dort trifft. Es ist nicht nur möglich etwas über das Land, welches bereist wird zu erfahren, sondern auch über andere Länder und Menschen. Es ist spannend, wie sie Situationen in Südamerika vor dem Hintergrund ihrer Lebenswelt und Sozialisation reflektieren. So ist Jessica fast schon überrascht als sie beim Bäcker nicht mit ihrer Kreditkarte zahlen kann, weil es für sie ein Zeichen von wirtschaftlicher Unterentwicklung ist. Da sind Deutschland und Kolumbien doch mal gleichgestellt. Dem Geschmack meines Kuchens tut die Barzahlung keinen Abbruch. Wir schlendern durch die Straßen. Alles ist sehr modern, Shoppingcenter, unzählige Bars, Restaurants und Coffee-Shops. Keine Touristen. Bei einem Straßenhändler kaufen wir Guanabana. Die Frucht schmeckt so ein bisschen wie eine Mischung aus Banane und Ananas.

Im Hostel arbeitet Pedro aus Venezuela. Nachts kellnert er noch in einem Restaurant und schickt das Geld nach Hause. Einen Reisepass können sich nur die wenigsten Venezolaner leisten, der mittlerweile fast 1000 Dollar kosten soll, sagt Pedro. Vor einer Woche hat Ecuador die Einreise für Venozolaner ohne Reisepass verboten.

Ein zweiter schöner Punkt an Hostels ist, wenn sie leer sind. Nachdem Jessica ihre Sachen gepackt und ihr Huber-Taxi zum Flughafen zum Glück wieder mit Kreditkarte bestellt hat, bin ich allein im Zimmer. Zum ersten Mal nach vier Monaten habe ich ein Zimmer für mich. Luxus. Nachdem ich das Gefühl lange genug ausgekostet habe, will ich dann doch ins Rutschenparadies.

Weil mir das noch nicht genug war, fahre ich am nächsten Tag zwei Stunden südlich nach San Gil, der Abenteuer-Hauptstadt Kolumbiens. Hier soll alles möglich sein vom Rafting, Paragliding bis zum Bungeejumping. Ich muss dem Busfahrer sagen, dass er mich doch bitte am Busbahnhof rauslässt, sonst wäre er einfach weitergefahren. Der Weg nach San Gil war aufregend. Der Bus schob sich durch enge Kurven an Schluchten vorbei. San Gil selbst ist eher weniger spektakulär, eine große Kirche und ein grüner Marktplatz. Die erwartenden Touristenmengen verstecken sich in ihren Hostels und so ist San Gil trotz seines Rufes eine authentische Kleinstadt geblieben.

In meinem Zimmer im neuen Hostel schlafen Florence und Adrian aus Frankreich. Florence ist mit dem Segelschiff nach Südamerika gekommen. Während ihrer fünfmonatigen Bootstour machte sie Stopp auf den Karibikinseln, lernte Segeln und hat für 10-20 Euro pro Tag auf dem Boot gelebt. Wir freunden uns schnell an und fahren am nächsten Tag nach Curiti. Ein kleines Dorf von dem man einen Fluss entlangwandern und in den natürlichen Badebecken schwimmen kann. Meine Freunde, die Moskitos sind bei der Poolparty zwar nicht eingeladen, aber auch wieder zahlreich am Start. Am Abend trinken wir Bier und essen Burger, um unseren Energiehaushalt nach der Wanderung wieder aufzufüllen.

Wie gemalt scheint der kleine Ort Barichara. Ein Buseta (so werden hier kleine Busse genannt) bringt mich in das 45 Minuten entfernte Städtchen. Die Straßen sind fast leer. Die Sonne brennt auf den Ziegeln. Es fehlt nur der Grasbusch, der wie in Westernfilmen über den Sand weht. Mein Weg führt mich zu einer kleinen Kathedrale vorbei an weißen Häusern mit bunten Fenstern und Türen.

Vom Garten der Kathedrale eröffnet sich mir ein Blick über ein  grünes Tal. Wer Entschleunigung sucht ist hier genau richtig. Auf dem Rückweg fängt es an zu Regnen. Ich habe Glück und erwische gerade so einen Bus. Mir wird auch gleich ein Platz neben einem älteren Mann angeboten. Er erzählt mir von enormen Regenfällen in den letzten zwei Jahren auf die hier niemand vorbereitet war. Häuser lösten sich und sogar Menschen starben in den vergangen Monaten. Der Klimawandel zeigt immer schlimmere Folgen bemerkt er. Als ich aus dem Bus aussteige, sind alle Straßen in reißende Flüsse verwandelt, wie ich es auch schon aus Santa Marta kannte.

Der Suarez ist auch ein reißender Fluss, allerdings ist dieser gewollt und von Raftingfans weltweit geschätzt. Hier kann man das höchste Level ohne extra Ausbildung absolvieren. Die Guides fragen mich, ob ich denn schon mal Rafting gemacht habe. Als ich den Kopf schüttle, schauen sie mich mit großen Augen an. Noch denke ich, dass sie uns nur Angst machen wollen. Während der Trainingsstunde dämmert es mir, dass es wohl doch nicht nur die heitere Bootsfahrt werden wird. Es gibt ein extra Kajak, dass uns retten soll, wenn wir über Bord gehen und zu weit vom Boot wegtreiben. Wir lernen nicht nur richtig zu paddeln und auf Kommandos zu hören, sondern auch wie wir unsere Crewmitglieder wieder aus dem Wasser ziehen. Zu unserer Crew gehören vier Menschen und ein Steuermann, der uns lautstark anschreit, dass wir schneller paddeln sollen. Das ist auch nötig. Die Stromschnellen sind so stark, dass es jede Sekunde Konzentration und Einsatz erfordert. Das Boot läuft mit Wasser voll und die Wellen schlagen mir ins Gesicht. Doch die Devise ist immer weiterpaddeln. Nach einem kleinen Wasserfall schlage ich mit dem Kopf gegen den Helm meines Vordermanns. Ich bin kurz benommen, dann geht es wieder. Die Metapher wir sitzen alle im selben Boot habe ich noch nie stärker am eigenen Laib erlebt. Manchmal sind wir parallelisiert von der Kraft des Wassers, die uns entgegenkommt. Doch je stärker diese ist, desto wacher müssen wir sein. Zum Schluss der Strecke kommt der härteste Teil. Es gibt viele Felsen durch die wir uns mit Kraft navigieren müssen. Die Abfahrt ist so steil, dass wir ein Crewmitglied verlieren. Ich schaue zurück, doch sehe niemanden. Dann taucht ein roter Helm auf und wir paddeln zurück, um ihn wieder ins Boot zu holen. Am Ende haben wir den Fluss mit ein paar Schrammen und blauen Flecken bezwungen. Rafting ist fast so krass wie Leben, nur mit Sturzhelm.

Berauscht vom Adrenalin der letzten Tage setzte ich mich in den Bus nach Bogotá. Die Fahrt geht weiter auf der Achterbahn. Wieder im Fieber der Reise. Bewusst mal schneller und mal langsamer atmen, auch wenn mein Faden nicht den geraden Weg nimmt. Wie immer begleiten mich die Rechts- und Linkskurven, das Hoch und Runter. Doch ohne, fehlte das Kribbeln im Bauch.

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Schwarze Steine mit roten Flecken

Posted by carl on Aug 20, 2018 in Uncategorized

Von Karl

 

Maicao

Von dem beschaulichen Santa Marta aus fährt der Bus über Riohacha nach Maicao. Immer gen Osten. Hinter der Fensterscheibe hat sich die Landschaft gewandelt. Soweit das Auge blicken kann, stehen gedrungene grüne bis braune Bäume. Trockene Bäume mit ein paar knorrigen Hecken unter sich. Die Landschaft ist sehr flach und es weht eine beständige warme Briese.

Augenfällig ist auch, dass der Plastikmüll stärker den Blick trübt. Nicht dass ich bislang ausschließlich saubere Straßen und Hecken gesehen hätte, doch hier hat das eine neue Qualität. Müll der die wenigen Grashalme bedeckt. Da es nicht immer eine funktionierende Müllabfuhr bis in die letzte Kleinstadt gibt, wird Müll gern auch einfach auf einen Haufen geschmissen und verbrannt. Zu dem vielen Müll paart sich ein Verhalten, bei dem Verpackungsmüll an Ort und Stelle fallen gelassen wird. Manche Orte werden allerdings sauber gehalten. Busbahnhöfe beispielsweise werden regelmäßig durchgewischt.

In Maicaos Busbahnhof tobt das Leben. Die Nähe der gut 10km entfernten Grenze macht sich bemerkbar. Krisenbedingt ist Maicao ein wichtiger erster Umstiegs- und Lebensort für die vielen Venezolaner*innen, die ihr Land verlassen. Auch auf der Hauptstraße, die hier die Nummer 16 trägt, ist sehr viel los. Wie so viele Orte die wir in letzter Zeit bereist haben, ist auch Maicao so aufgebaut, dass alle Straßen ein Schachbrett bilden und es Carreras und Calles gibt, die sich im rechten Winkel kreuzen. Diese werden dann einfach durchgezählt. Wenn ich also die Adresse „Calle 5 #6-12“ suche, dann ist das Haus in der Calle 5, ganz in der Nähe der Kreuzung mit der Carrera 6 und trägt die Hausnummer 12.

Später erzählt mir ein Venezolaner, der als Automechaniker in Maicao arbeitet, warum alle hundert Meter Benzin in ehemaligen großen Wasserflaschen verkauft werden. In Venezuela kostet das Benzin weniger als ein kolumbianischer Centavo. Der Umrechnungskurs ist ungefähr 3300 kolumbianische Pesos für ein Euro. Alle Tankstellen der Region haben zugemacht, weil jede*r für 2300 Pesos pro Gallone (ca. 4,5 Liter) Sprit kaufen kann. In den Seitenstraßen stehen Autos aus denen heraus die Flaschen abgefüllt werden.

Kohle

Uns hat es hierher verschlagen, weil ich Felipe treffen möchte. Felipe hat früher mal in der Gegend gewohnt, wo jetzt große Tagebaue klaffen. Anstatt auf meine Fragen zu warten, erzählt er einfach in einem schier nicht enden wollenden Monolog seine Geschichte. Ich habe schon einen Krampf in der Hand, aber mir dünkt, dass er gerade sehr spannende Sachen wiedergibt. Er endet nach fast zwei Stunden mit: „Wenn ihr die Steinkohle aus La Guajira verwendet, dann klebt da Blut dran, Menschenblut“. La Guajira nennt sich diese Region, eine Halbinsel, auf der Cerrejón der größte Kohle-Tagebau Lateinamerikas ist. Kolumbien ist der viertgrößte Steinkohle-Exporteur und macht ein Drittel aller importierter deutscher Steinkohle aus. In Deutschland wurden erst neue Steinkohle-Kraftwerke gebaut. Für Kohle aus Kolumbien. Die Kohle wird in verschiedenen Regionen in Tagebauen abgebaut, dabei ist Cerrejón der größte mit fast 700 Quadratkilometern. Insgesamt besteht Cerrejón aus drei Tagebauen. Sie sind jeweils zu einen Drittel im Besitz von us-amerikanischen, schweizer und englischen Investoren, mit Lizenzen bis 2034.

Die Kohle wird auf die eigens errichte Bahnlinie gebracht. Die Kohlezüge sollen 120 Waggons haben und werden durch zwei oder drei Loks gezogen. Im eigens errichteten Kohlehafen, der aber auch nur einer von vielen in Kolumbien ist, wird die Kohle dann in Frachtschiffe verladen.

Dafür wurden einige indigene Ortschaften umgesiedelt. Teils unter Anwendung von Gewalt und durch Beihilfe durch die Armee werden sie vertrieben. Ihnen wird die Fläche genommen, auf der sie ihre Lebensmittel anbauen. Die Wayuú, die schon sehr lange in der Region leben, leiden besonders unter dem Kohleabbau. Sie haben sich erfolgreich gegen die Kolonialisierung durch die Spanier*innen behaupten können, weil sie als besonders widerständig gelten. Doch jetzt sterben sie am Hunger. Das Grundwasser wurde durch Cerrejón abgesenkt, damit der Tagebau nicht zum See wird, und ein Fluss wurde auf zig Kilometer Länge umgeleitet. Seitdem muss Wasser in Plastikflaschen gekauft werden. Was die Kolonialherren aus Europa des 16. Jahrhundert nicht vermocht haben, schafft Europa heute. Das nennt sich übrigens Neokolonialismus.

Felipe beschreibt die Umwelt-Belastung mit einem Experiment. Ich solle ein Becher mit Wasser aufstellen. Ein paar Stunden später sieht man die schwarzen Ränder vom Kohlestaub. und falls noch nicht genügend Argumente gegen die Kohleförderung geliefert worden sind, dann können wir gern noch über Klimawandel debattieren …

Albania

Ich will‘s selbst sehen. Ich mach mich am nächsten Tag auf und fahr‘ nach Albania, einen kleinen Ort der sich ganz in der Nähe vom Haupteingang und Besucher*innen-Zentrum entwickelt hat. 1000 Einwohner*innen vielleicht. Der Weg nach Albania im geteilten Taxi ist allerdings nicht sofort erfolgreich. Geteilt meint, dass solange gewartet wird, bis alle Plätze verkauft sind. Der Taxifahrer fährt rechts ran und stellt – nicht wirklich enttäuscht – fest, dass der Keilriemen gerissen ist. Er hält einfach ein Auto im Gegenverkehr an und lässt uns zurück nach Maicao schleppen. Bis zur Werkstatt. Dort warten wir eine knappe Stunde und schon wagen wir einen zweiten Anlauf.

Schon nachmittags schwinge ich mich als Sozius auf einem Taximotorrad gen Eingang, den letzten Kilometer in Angriff nehmend und – hab kein Glück. Am Eingang sagt mir die freundliche Frau, ich müsse eine Nummer anrufen. Der nette Mann im Hörer aber sagt: Nein, heute und morgen ist voll, keine Plätze mehr. Es geht also nur mit Führung.

Nach einer ganzen Weile meint ein Motorradfahrer er wüsste, dass in einem Hotel eine Gruppe eingecheckt hat, die morgen eine Führung hat. Also fahren wir wieder los. Im Hotel kann ich mit der Rezeption sogar auf englisch die Herausforderung besprechen. Ihr Anruf ergibt: Sie muss morgen früh nochmal anrufen. Also ruft sie mich morgen früh an, ob noch ein Platz frei wird.

Wohlweißlich bin ich früh genug aufgestanden und schon halb Acht klingelt das Telephon. Ich solle sofort am Eingang erscheinen. Bei der jetzigen Führung sei ein Platz frei. Drei Sachen in den Beutel, Tür zu, zur Straße gerannt, und – ich bin noch nicht mal auf der Straße – da kommt schon ein Motorrad. Ich spring auf, einmal Mineneingang bitte. Tatsächlich bin ich nicht der Letzte. Läuft.

Cerrejón

Kamera an. Alles was spannend ist wird gefilmt. Ich muss ja das Interview noch bebildern. Zuerst warten wir zwischen einen großen Kipplader und anderen kleineren Ausstellungsgegenständen, bis wir in einen größeren Raum geführt werden. Viele Info-Tafeln und Monitore. Wie zum Hohn eine übergroße Tafel mit Wörtern aus der Sprache der Wayuu. Alle Wörter drehen sich um den Kohleabbau. Viele Ausstellungsgegenstände möchten die soziale Seite Cerrejóns betonen. Mir wird klar, dass die Firma Teile ihrer Infrastruktur mit Wayuu-Wörtern schmückt. Seit 1975 gibt es die Grube nun schon und einige Präsidenten Kolumbiens waren zu irgendwelchen Einweihungen da. Obschon Kolumbien kaum Einfluss hat. Alle Fahrzeuge sind in Miniatur ausgestellt. Große Förderbrücken oder Förderkräne wie in deutschen Braunkohle-Tagebaue gibt es allerdings nicht. Dann müssen wir noch alle ein Sicherheitsvideo anschauen, Helme abgreifen und über den Zebrastreifen zum Reisebus gehen.

Durch das große Werksgelände düst der Bus raus auf die Schnellwege, die wegen den übergroßen Kippladern extrem breit sind und eigene kleine Parallelwege haben, die unser Bus nimmt. An einem Aussichtspunkt können wir in die Grube schauen. Ein Führer erzählt parallel viele technische Details. Als einer der Bagger gerade des Weges kommt, wird klar, dass auch diese überdimensioniert sind. Allein die Kipplader sind monströs groß.

Anschließend fährt der Bus noch zu einem anderen Aussichtspunkt, von dem wir die weiten Renaturierungsflächen bewundern sollen. Allerdings entwickelt sich daran, dass Kolumbien nicht so sehr von der Kohleförderung profitiert, eine schnell hitzig werdende Diskussion, die damit beendet wird, dass wir zurück in den Bus gehen. Offensichtlich sind nicht alle mit allem einverstanden.

Carrito

Zurück in Albania packe ich nur schnell die Sachen um nach Bogotá abzuhauen. Erst mit dem Carrito (so nennt sich hier das geteilte Taxi) bis nach Valledupar und dort dann mit dem Nachtbus nach Bogotá.

Das Internet verrät mir später: Im Februar erst hat ein Indigener wohl einen Anschlag auf die Bahnschiene verübt. Ich kann‘s ihm nachempfinden.

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